9/11 verändert alles
alles bleibt
New York ein Jahr nach den Terrorangriffen des 11. September 2001


Auf der Autobahn um New York in Richtung Manhattan staut sich der Verkehr. Autohupen, brennende Hitze, Staub - blauer Himmel. Das Szenario scheint bekannt. Ein Jahr ist es jetzt her, dass am 11. September Terrorangriffe auf das Pentagon und die Twin Towers des World Trade Centers verübt worden sind. Der Schrecken von damals ist noch lange nicht vergessen, auch wenn das Herz der Stadt im selben Tempo wie immer pulsiert.

Ground Zero, die klaffende Wunde am Südende Manhattans, ist zwar ein Ort des Schreckens und der Trauer geworden, doch hier ist es, wo schon ein Fundament für einen Ersatz gelegt wurde. Eins steht für den Mayor und Wirtschaftstycoon Bloomberg fest: "Eine Gedenkstätte ist wichtig, aber ein Ersatz für die Twin Towers ebenso!". Überhaupt ist es vielmehr die Wirtschaft, die in dem New York der Monate nach dem Terrorakt für Aufsehen und Empörung sorgt, als die Trauer und Angst der indirekten Opfer des 11. September.
"Eine Postkarte vom Präsidenten habe ich bekommen", sagt der polnische Fensterputzer Jan Demczur stolz und präsentiert das an alle Opfer oder Hinterbliebenen vom Weißen Haus vorgefertigte Schreiben. Jan Demczur konnte sich kurz vor dem Einsturz des 1. Turms aus einem der Aufzüge befreien und so der Katastrophe entgehen. Doch auch der trägt Spuren der Verzweiflung seit dem 11. September:"Ich fühle mich von der Regierung vergessen." In dem Reihenhaus in Jersey City herrscht eine bedrückende Atmosphäre. Draußen setzt ein Nieselregen ein, der Sohn Piotr liegt letargisch auf der Wohnzimmercouch und spielt Videospiele. "Seit September 11th lebe ich Tag für Tag. Ich habe keine Perspektive mehr. Ich habe genügend Kontakt und kann jeder Zeit wieder ins Berufsleben einsteigen, aber ich bin zu schwach, arbeiten zu gehen. Die Leute vergessen die Psyche derer, die das alles mitgemacht haben. Ich habe kein Ziel mehr, mir fehlt jeglicher Ansporn. Eine Psychotherapie ist meine letzte Hoffnung."
In der Tat sind seit dem 11. September mehrere hunderttausend Bürger im Großraum New York in psychologischer Behandlung. Posttraumatic Stress Syndrom ist das, was den Patienten nachts den Schlaf raubt oder Alpträume extremen Ausmaßes erleben lässt.
Die meisten Patienten des Psychiaters Dr. Ruth Fernandez leiden seit dem 11. September an diesem Syndrom. So auch Carlos Pinero, der im 72. Stock des WTC arbeitete und nur noch durch ein Wunder dem Flammenmeer entkommen konnte. Seinen Sohn, der dem Zusammenbruch des 1. Towers auch nur knapp entwich, musste er jedoch zunächst zurücklassen. Dieser Moment verfolgt Carlos seit über 11 Monaten in seinen Träumen. Erst vor 14 Tagen hat er beschlossen, wieder arbeiten zu gehen.
Für die in Long Island lebende Hausfrau und 3fache Mutter Linda Johnson ist es eine Beruhigung und Erleichterung, dass ihr Mann, der Feuerwehrmann Yan Johnson, dank der DNA-Technik identifiziert werden konnte, und nun offiziell als "tot" gilt. Am 1. September also 355 Tage nach seinem vermuteten Tod wurden die gefundenen Körperteile in einer Abschiedszeremonie begraben.
Die Schriftstellerin Venus Snyder hingegen sagt, während sie unter Tränen das Missing-Poster ihres Ex-Freunds in Grand Central Station ansieht:"Wenn mich jemand anrufen würde >>wir haben etwas gefunden<<, würde ich einfach sagen >>lasst mich in Ruhe!<<. Alles was passiert ist, ist schlimm genug. Irgendwann muss ich neu anfangen und das geht nur, wenn ich nicht dauernd durch Erinnerungen zurückgerissen werden!"

Parallel zu allen Einzelschicksalen in der Stadt fängt New York selbst auch von neuem an. Je näher man Ground Zero ist, desto weniger Leute trifft man an. Die Restaurant und Kneipen von Soho und Greenwich Village sind selbst am Samstagabend fast wie ausgestorben.
Das Nasdaq-Aktienband am Times Sqare zeigt Minuszahlen. Seine Reaktion hat der 11. September auf jeden Fall erreicht - war all das vorhersehbar? Musste der Boom Amerikas und Europas umschlagen? Der Leiter der "International Preparedness Foundation" meint "ja!". Er hat schon vor 6 Jahren in Radiosendungen von einem dem 11. September ähnelnden Ereignis gesprochen und sagte heute darüber:"es war nur die Frage wann und wie!" Er gründete schon sehr früh die IPF, einen Verien, dem jeder beitreten sollte, der auf der sicheren Seite sein möchte. Aton Edwards bezeichnet sich selbst als "Survivor". Sein Ziel ist es , so viele Katastrophen wie möglich zu überleben. An der Tür seiner Wohnung in Brooklyn Heights stehen immer gepackte Taschen. Dazu gehören unter anderem mehrere "Survival Kits", die verschiedene Taschenlampen, Gasmasken und Werkzeuge beinhalten. Ein 5000$ schweres High-Tech Klappfahrrad gehört auch zu Atons Grundausstattung. "Treppenfahren? Kein Problem - einen Fluss überqueren? Klar!" Womit Aton seinen Preparedness-Zwang begründet ist nicht ganz klar ersichtlich:"You have to be prepared!", ist seine einzige Antwort auf die Frage, die ähnlich lautete. Von Atons Balkon sieht man die noch übrige Skyline von Manhattan.

In dem jetzt höchsten Gebäude der Stadt, dem Empire State Building sitzt ein Mann namens Kevin D.. Er hat nach 9/11 von Anfang an als Freiwilliger mitgeholfen.
Mittlerweile ist dieses Datum das einzige womit er sich beschäftigt. In dem Büro einer Firma, die ihm "Unterschlupf" bietet, hat er sich ausgebreitet. Um zu seinem Schreibtisch zu gelangen, watet man durch tausende von Pappkartons, Souvenirs und Photos, die die Twin Towers in allen Zuständen darstellen - ganz, halb und kollabiert. Aus einer der Schreibtischschubladen holt Kevin einen Glasssplitter. "Das ist vom WTC übrig geblieben.". In der anderen Hand hält er ein mit Asche gefülltes Säckchen:"Und das von allem was darin war. Asche zu Asche! Staub zu Staub! Der Anschlag auf das WTC wird genauso in die Geschichte eingehen, wie beispielsweise der Fund von Dinosauriern!" Er holt ein weiteres Stückchen hervor. "Eine Titanium-Legierung. Wissen sie, wozu man so etwas braucht?" Eine Träne rollt über die Wange des 46-Jährigen. "Das ist ein Stück von einem der Flugzeuge!". Einer der Monitore, die auf den aufgestapelten Pappkartons stehen, wiederholt ständig die Bilder des Einschlag, die wir alle kennen. Kevin lebt noch immer am 11. September des Jahres 2001. Er ist nicht der einzige, aber die Wunden der Stadt des Widerspruchs heilen schnell. Es gibt zu viel Neues, als dass man am Alten festhalten kann. 9/11 hat alles verändert, aber alles ist so geblieben wie es vorher war.