Interview von Felix von Boehm, Daniel Costelloe
und Sebastian Walth, Redakteure der Schülerzeitschrift d*esprit,
mit Jorge Semprun
d*esprit : Beim Lesen Ihres Werkes "Le Mort Qu'Il Faut" ist
auffallend, dass der Leser durch Ihre Anekdoten und teilweise auch durch
Ihren Humor das drückende, grausame Hauptthema leichter verarbeiten
kann. Ist dies der einzige verfolgte Zweck, oder ist es realitätsgetreu?
Semprun: Es entspricht tatsächlich meiner eigenen Realität.
Ich weiß nicht, ob es genau der Realität entspricht, weil
die Realität dieser Erfahrung so vielseitig und so kompliziert
ist - man kann sie aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Ich habe
neben vielen Büchern, die sich mit anderen Themen befassen, verschiedene
Bücher über die Erfahrungen, die ich im Konzentrationslager
gesammelt habe, geschrieben. "Le Mort Qu'Il Faut" ist das
vierte. Grundsätzlich finde ich, dass es nicht sinnvoll ist, nur
vom Schrecklichen zu sprechen, wenn man Eindrücke, Emotionen und
Ideen übertragen will. Man kann natürlich Berichte schreiben,
in denen man nur die schrecklichen Momente zeigt: Das Wecken um vier
Uhre morgens, die Arbeit, den Hunger, die mehr oder weniger brutale
Art der S.S. mit den Häftlingen umzugehen. Es gab Tage, wo man
mit den S.S. zu tun hatte und Tage, wo man sie nicht sah. Ich finde,
dass es bedeutungsvoller ist, wenn man auch über die Momente spricht,
die zwischen diesen schrecklichen Augenblicken lagen. Momente der Solidarität,
der Brüderlichkeit oder sogar lustige Momente.
d*esprit: Können sie sich noch an einen dieser Momente erinnern?
Semprun: Einer der ersten lustigen Eindrücke, die ich empfunden
habe, war als ich gerade erst im Lager angekommen und in der Dusche
war. Wir waren alle nackt und ich hörte auf einmal wie einer hinter
mir zu einem anderen sagte: "Stellen Sie sich vor, Herr Minister!"
und die andere Person antwortete ihm: "Ja, Herr Senator, es ist
schrecklich!" Es waren zwei armselige, sicherlich sehr liebe und
durchaus gute Belgier, denn die Deportierten arbeiteten nicht mit den
Nazis zusammen, ein Senator und ein Minister, die sich gegenseitig noch
so behandelten als seien sie dort gewesen. Diese beiden Alten nackt
unter der Dusche zu sehen, die sich gegenseitig noch wie Senator und
Minister behandelten, war selbstverständlich objektiv lustig. Auch
wenn das pathetisch oder sogar furchterregend ist, war die erste Reaktion
darüber zu lachen, gerade wenn man so wie ich 20 Jahre alt war.
Die beiden glaubten, sie seien noch Minister und Senator gewesen, obwohl
wir dort nur Zahlen waren. Es gab nichts mehr, es gab keine Identität,
keine Persönlichkeit mehr. Natürlich kämpfte man noch
darum, seine Identität zu behalten, doch offiziell war man nur
noch eine Nummer. Niemand rief dich mit deinem Namen, bis auf diejenigen,
die dir nahe waren, deine Freunde.
d*esprit: Es kommt vor, dass Leute, die Ihr Bücher gelesen haben,
sagen, dass sie beim Lesen den Eindruck hatten, Sie seien dort ab und
zu glücklich gewesen? Wie reagieren Sie darauf? Entspricht diese
Annahme der Realität?
Semprun: Ich weiß nicht, ob das Wort "glücklich"
zutrifft. Aber wenn man 20 Jahre alt ist, um fünf Uhr aufsteht,
es Sommer oder Frühling und das Wetter schön ist - und Buchenwald
ist ein Ort, der von Wäldern umkreist ist -, ist es einfach ein
sehr schöner Anblick, wenn plötzlich all diese Blätter
grün sind, da der Frühling herankommt und die Sonne aufgeht.
Man hat dann einen emotionalen Augenblick, was nichts daran ändert,
dass man in 15 Minuten vielleicht schon von einem S.S. niedergeschlagen
wird. Wenn man allerdings nicht erzählt, dass man diesen emotionalen
Augenblick gespürt hat, dann lohnt es sich erst gar nicht zu schreiben.
d*esprit: Ist es wichtig Optimist zu sein, um in solchen schweren Situationen
die Kraft beizubehalten?
Semprun: Man kann sich dazu nicht zwingen oder gar selbst entscheiden,
ob man ein Optimist oder ein Pessimist ist. Es ist eine Frage des Temperaments.
Es stimmt aber, dass man sich Mühe geben kann, optimistisch zu
denken, auch positive Aspekte einer gewissen Situation zu sehen. Ich
glaube es ist vielmehr eine Frage der Natur, es gibt die Natur des Pessimisten
und die des Optimisten. Um diese Erfahrung zu machen braucht man nicht
in einem Lager gewesen zu sein. Auch im alltäglichen Leben, in
Euren Schulklassen zum Beispiel, findet man Optimisten, die sagen: "Ich
werde mein Examen sicherlich problemlos bestehen.", und Pessimisten,
die sagen: "Ich werde es bestimmt nicht bestehen!", obwohl
die Wahrheit weder noch ist; man wird es nicht ohne jegliche Probleme
bestehen und auch nicht absolut verfehlen. Das ist, wie gesagt, eine
Frage des Temperaments, aber es stimmt, dass es wichtig war, sich Mühe
gegeben zu haben, nachzudenken. Man konnte allerdings nur selten nachdenken,
denn man war mit der Arbeit beschäftigt und stand unter dem Druck
der S.S.. Man war von allen alltäglichen Zwängen gefesselt,
so dass das Nachdenken einem schwer fiel. Wenn man dann einen Moment
zur möglichen Reflexion, einen Moment für sich hatte, war
es besser sich für die positiven Elemente zu entscheiden als für
die Negativen. Das ist schon beinahe eine Frage der Moraldisziplin.
Anstatt sich zu sagen, dass sein Freund Fernand gestern gestorben ist,
da er krank gewesen war und unter langen, qualvollen Schmerzen gelitten
hatte, sollte man sich eher an seinen Freund Gustav erinnern, der es
geschafft hatte, einen besseren Arbeitsplatz zu bekommen, wo es ihm
besser gehen würde und wo er weniger von den S.S. geschlagen werden
würde. Das ist die Disziplin. Ich habe aber trotzdem eine limitierte
Disziplin, in dem Maße, in dem man nicht einfach so optimistisch
im Abstrakten sein kann. Die wahren Pessimisten, die ich kannte, waren
fast ausschließlich Menschen, die bereits seit 1934 im Lager gewesen
sind. Also Deutsche, die im Zuchthaus eingesperrt worden waren um schließlich
in die Lager gebracht zu werden. Sie hatten schon soviel Grausames gesehen,
dass sie letztendlich weder pessimistisch noch optimistisch waren. Sie
waren schon jenseits von Gut und Böse, jenseits von Leben und Tod.
Sie waren schon auf der anderen Seite. Die Leute wie ich, die ab 1942
vom französischen oder belgischen Widerstand gekommen waren kamen
zu einer Zeit, in der der Krieg schon begonnen hatte, sich zu Gunsten
der Alliierten zu wenden. Nach der Schlacht von Stalingrad 1942 war
es nicht mehr vollkommen absurd zu denken, dass Hitler den Krieg verlieren
könnte. Ihr seht also, es ist oft schwer, da es von der Situation
abhängig ist. Um zur Ausgangsfrage zurückzukommen: Ja, es
ist besser optimistisch zu sein, aber wie Ihr seht, ist es oftmals nicht
so einfach.
d*esprit: In einem Interview sagten Sie: "Ich glaube etwas zwingt
mich - ja, es ist wie ein Drang - zur Autobiographie zurückzukehren."
Was zwingt Sie zu dieser Rückkehr zur Autobiographie?
Semrun: Ich bereue es fast, dass ein Romanschriftsteller jemand ist,
der eine Welt erfindet. Er erfindet natülich nicht ohne jegliche
Grundlage. Er geht von seinen persönlichen, kollektiven, sowie
historischen Erfahrungen aus - von diesen und noch anderen ausgehend
erfindet er. Auf Grund dessen mag ich einen Satz vom Schriftsteller
Boris Vian so gerne. Er lautet: "In diesem Buch ist alles wahr,
weil ich alles erfunden habe." Das ist für mich die Definition
des Romans. Man erfindet die Wahrheit. Ich habe zwar schon Romane geschrieben,
die keinen Zusammenhang mit meinem Aufenthalt in Buchenwald haben, z.B.
"La Montagne Blanche", Bücher, in denen ich alles erfunden
habe, aber wenn die Gedanken anfangen eine Form anzunehmen, passiert
es mir sehr oft, dass mir eine Erinnerung plötzlich wieder in den
Sinn kommt. Sie setzt sich mitten in meiner Planung des Romans fest.
So werde ich immer wieder stärker an die Erinnerung im Lager und
auch zur Autobiographie gedrängt. Ich versuche Distanz zum Realen
zu halten, indem ich fiktive Abschnitte mit einbeziehe und die wahre
Reihenfolge nur teilweise berücksichtige. Es bleibt für mich
dennoch ein Bericht und kein Roman. Ihr habt vielleicht auch bemerkt,
dass auf meinen Büchern niemals geschrieben ist, dass es ein Roman
ist. Ich würde aber demnächst sehr gerne ein Buch schreiben,
von dem ich sagen kann, dass es sich um einen Roman handelt. Das muss
nicht heißen, dass es ein Buch ist, das nicht von meinem persönlichen,
geschichtlichen oder insgesamt von den Erfahrungen meiner Generation
inspiriert ist. Natürlich wäre es von diesem Erfahrungen geprägt.
Jedoch wäre es ein Roman, in dem die Gespräche der Männer
und Frauen, die im Buch vorkommen, von mir erfunden worden sind. Das
ist es, was ich bereue. Sehr oft komme ich auf Grund der wieder hochkommenden
Erinnerungen nicht zur Vollendung meiner geplanten Romane. Ich probiere
allerdings mich davon lösen zu können, falls ich noch genügend
Zeit habe, um noch einige wahre Romane zu schreiben.
d*esprit: Ihre sprachlichen Kenntnisse faszinieren viele Leser. Sie
sind Spanier, schreiben auf Französisch und Spanisch, sprechen
fließend Deutsch und verfügen über ein unglaubliches
literarisches Wissen. Wie hat die Sprache sie in Ihrem Schreiben geprägt?
Semprun: Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich werde in den nächsten
Monaten die Erfahrung machen, da im September in Barcelona mein erster
spanischer Roman veröffentlicht wird. Er wird darauf vom Spanischen
ins Französische übersetzt werden. Ich werde ihn nicht selbst
übersetzten, weil ich ja dazu verpflichtet wäre, textnah zu
bleiben. Anstatt die Zeit damit zu verbringen, mein Buch zu übersetzen,
ziehe ich es vor, ein Neues zu schreiben. Ich halte es für uninteressant
mich zu lange mit dem selben Thema zu beschäftigen und bevorzuge
es, noch nicht verwendete Elemente in das neue Buch einfließen
zu lassen. Im September wird also das Buch, ein Roman, auf spanisch
veröffentlicht. Wie gesagt ist es mein erster Roman auf spanisch.
Ich habe schon zwei weitere Bücher auf spanisch geschrieben, aber
das sind Bücher, in denen es um politische Erinnerungen geht und
die um das politische Pseudonym Federico Sanchez aufgebaut sind. Aber
dieses Mal ist es ein wirklicher Roman, ein wenig so wie Boris Vian
es gemeint hat. Ich habe zwar nicht alles erfunden, da ich mir nicht
Spanien, den Bürgerkrieg und die ganzen historischen Ereignisse
ausgedacht habe, von denen im Buch die Rede ist. Aber es ist insofern
ein Roman, als dass die Personen erfunden sind und sowohl die reellen
als auch die fiktiven Charaktere behandelt werden. Ich werde nach dieser
Erfahrung, nachdem ich sehe, wie das französische Publikum auf
einen aus dem Spanischen übersetzten Roman reagiert, besser beurteilen
können ob es einen grundliegenden Unterschied im Stil macht, ob
ich auf Französisch oder auf Spanisch schreibe. Ich habe vor kurzem
den Übersetzer dieses Buchs kennen gelernt. Er sagte mir: "Sie
können sich gar nicht vorstellen, wie ungewöhnlich es ist,
Sie ins Französische zu übersetzen, da sie normalerweise auf
französisch schreiben." Ich habe ihm geantwortet: "Ja,
tut mir leid, aber das ist nun einmal ihre Arbeit!" Ich weiss nicht
ob es einen Unterschied im Stil macht. Ich glaube aber nicht. Ich habe
den Eindruck, dass sich hinter der spanischen und der französischen
Sprache, die jeweils ihren eigenen Satzbau, ihr eigenes Vokabular und
ihren eigenen Rhythmus, eine eigene Maske oder "apparence"
besitzen, ein gewisser Sprachzusammenhang verbirgt, der in jeder Sprache
derselbe ist. Es wird eine interessante Erfahrung für mich sein
zu wissen, ob die verschiedenen Sprachen mit ihrer eigenen Grammatik
auch einen eigenen Sprachausdruck mit sich bringen. Thomas Mann sagte
einmal, dass er niemals aufhörte Deutscher zu sein, da seine Heimat
die deutsche Sprache sei und dass er auch im Exil immer in seiner Heimat
gewesen sei, da er weiter auf Deutsch geschrieben habe. Diese Aussage
halte ich für richtig und gut. Für mich aber ist die Heimat
nicht die Sprache, sondern das Sprachvermögen. Im Französischen
und im Spanischen ist es einfacher nachzuvollziehen, was ich meine,
da es zwei Wörter dafür gibt: "langue" und "langage".
Im Deutschen sagt man Sprache für beides, oder man muss ein kompliziertes
Wort für "language" zusammenstellen, wie z.B. Sprachvermögen.
Aus dem Grund war es für Thomas Mann einfacher zu sagen, dass die
Sprache seine Heimat gewesen sei, da das Wort Sprache im Deutschen nicht
nur die Sprache im Sinne von "langue" umfässt, sondern
auch die Sprachform ("langage"). Nach dieser Erfahrung werde
ich Euch besser auf Eure Frage antworten können.
d*esprit: Sie haben eine faszinierende Geschichte. Sie waren Widerstandskämpfer
in Frankreich, Häftling in Buchenwald und sind unter Franco wieder
in den Widerstand gegangen. Ist nach diesen zahlreichen Wegen, ihre
Ideale zu vermitteln, das Schreiben auch ein Mittel dazu?
Semprun: Der Zusammenhang zwischen meinem Schreiben und der Politik
ist einmalig und sehr speziell. Ich weiß nicht, ob dies auch auf
andere Schriftsteller zutrifft, die sich ebenfalls für die Politik
interessieren. Es gibt natürlich auch viele Schriftsteller, die
sich für das Leben und für die Welt interessieren, nicht aber
direkt für die Politik. Als ich 1945 aus Buchenwald zurückkam,
wollte ich sofort über diese Erfahrung schreiben; keinen üblichen
Bericht im Sinne eines geschichtlichen Berichtes, sondern einen literarischen
mit einer Erzählerform und einer Struktur. Doch ich war nicht fähig
dazu. Noch bevor der Winter 1946 einbrach, also während des Herbstes
1945, somit also zwei Monate nach meiner Wiederkehr, wurde ich mir sehr
schnell klar, dass Schreiben auch bedeutete in der Erinnerung zu verharren,
in der Erinnerung des Todes und ich mich dadurch quasi zum Selbstmord
verurteilen müsste. Dies war nicht absolut unberechtigt, wenn Ihr
an die Menge der vom Tode zurückgekehrten Schriftsteller denkt,
die sich umgebracht haben. Der 1938 von Wien nach Belgien gezogene Österreicher
und Résistancekämpfer Primo Levi hat sich umgebracht. Er
hat Bücher geschrieben, die keine Romane sind. Bücher, die
keinen langen Erfolg hatten, die jedoch sehr wichtig geworden sind im
Bezug auf die Erfahrungen in den Lagern. Es waren Essays, die hauptsächlich
aus Reflexionen bestanden.
Doch ich wollte leben. Deshalb habe ich mir gesagt: "Nein, ich
schreibe nicht." In diesem Moment war die Politik das Gegenmittel,
da Politik in einer Diktatur und der Kampf gegen einen Diktator immer
Risiken mit sich bringt. Diese Risiken zwingen einen dazu, den nächsten
Morgen zu fürchten. Somit beschäftigt man sich durchgängig
mit der Zukunft und nicht mit der Vergangenheit. Also genau das Gegenstück
zum Schreiben. Es ist kein Zufall, dass mich zu der Zeit, in der dieses
kommunistische Abenteuer begann, mir unreell zu erscheinen und ich überzeugt
davon war, dass nach den Erfahrungen der U.D.S.S.R. und des Stalinismus
der Kommunismus nichts wirklich Positives für Spanien bedeuten
konnte, die Politik verließ. Ich wurde von der Kommunistischen
Partei Spaniens ausgeschlossen. In diesem Moment ist das Verlangen zu
schreiben in mir wieder hochgekommen. Mein Leben ist also eine Art hin
und her. Zunächst war es für mich unmöglich zu schreiben,
dann ging ich in die Politik und nachdem mich die Politik ausgeschlossen
hatte, kam die Wiederkehr zur Literatur. Heute ist die Politik nicht
wirklich im Vordergrund meiner Bücher auch wenn gewisse Weltansichten
vertreten sind.
d*esprit: In einem Dialog mit dem Philosophen Elie Wiesel sagten Sie,
dass der Tag kommen wird, an dem es keine Zeugen des Terrors des NS
Regimes mehr geben wird. Wie wird sich Ihrer Ansicht nach die Wahrnehmung
der Vergangenheit und insbesondere dieses Terrors ändern und was
müssen die verbleibenden Zeugen noch tun?
Semprun: Die Wahrnehmung wird sich ändern, weil sie historisch
werden wird, voll von persönlichen Erinnerungen sein wird. Dieser
Vorgang passiert ständig in der Geschichte. Heutzutage hat keiner,
oder fast keiner, mehr eine persönliche Erinnerung vom ersten Weltkrieg.
Aber die Geschichte spricht davon; es gibt Filme und Bücher. Aber
das ist nicht dasselbe. Denn ab dem Punkt, wo es mehrere Zeugen gibt,
wird es welche geben, die sagen: "Ich versichere euch, dass es
so war und nicht so." So wird also die direkte und unverfälschte
Erinnerung verschwinden. Ich hoffe allerdings, dass die literarische
Erinnerung nicht verschwinden wird. Keiner wird junge Autoren daran
hindern eine Geschichte zu erfinden, denn sie haben weder eine persönliche
Erinnerung, da sie zu jung sind, noch eine in der Familie liegende Erinnerung,
da weder ihr Vater noch ihr Großvater deportiert worden war. Man
könnte wie Boris Vian sagen: "In diesem Buch ist alles immer
wahr, weil ich alles erfunden habe." Es gab eine Zeit, in der Verleger,
Kritiker und Intellektuelle fiktiven Büchern über die Konzentrationslager
misstrauten. Man kann das verstehen. In Deutschland ist das aber noch
nicht der Fall. Dort sind die Bücher größtenteils noch
Zeugenberichte. Romane, die Lagererfahrungen, Exil oder Widerstand gegen
die Nazis integrieren, beginnen nun langsam zu erscheinen. In Frankreich
gibt es schon den Roman "Le Non de Clara", der gerade vor
einem Jahr erschienen ist. Er ist von einer Frau verfasst worden, die
nicht deportiert wurde. Sie hat sich durch das Studieren von Lektüren
und Romanen mit der Epoche identifiziert. Es gibt Leute, die Bücher
über die Rückkehr eines jungen Juden von Auschwitz nach Paris
im Jahr 1945 geschrieben haben. Es ist ein ausgezeichnetes Buch mit
einer erstaunlichen Mannigfaltigkeit und Genauigkeit. Die Erinnerung
ist also nicht tot, sondern wird weiterleben, aber auf eine andere Art.
Wenn man euch junge Deutsche fragt: "Was wisst ihr über den
Dreißigjährigen Krieg?" Der Dreißigjährige
Krieg war der wahrscheinlich mörderischste Krieg im Verhältnis
zur Gesamtbevölkerung Europas, noch verheerender als der erste
Weltkrieg. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber man kann diesen Vergleich
machen. Aber über den Dreißigjährigen Krieg wisst ihr
nichts. Aber trotzdem lest Ihr "Mutter Courage" von Brecht,
wodurch ihr über den Dreißigjährigen Krieg erfahrt.
Und genauso werden in 50 Jahren die Jugendlichen Euren Alters nicht
sagen können: "Wir waren mit Semprun, der uns alles erzählt
hat", weil Semprun lange nicht mehr am Leben gewesen sein wird.
Aber sie werden sagen können: "Ich habe das und das Buch gelesen."
Oder: "Ich habe das und das Theaterstück gesehen, das uns
eine die Geschichte vom alten Europa erzählt," und die Geschichte
wird noch am Leben sein. Ich mache mir daher über das Verschwinden
der Erinnerung oder gar der Geschichte keine Sorgen. Es wird viele Romane
geben, so wie es immer Historiker und Soziologen geben wird. Sie sind
zwar notwendig, aber wenn es keine Romane und keine Prosa gibt, wird
die wahre Erinnerung, verschwinden.
d*esprit: Das Schweigen, die Tatsache, dass man nicht über seine
Lagererfahrung spricht, ist ein weiteres Thema, das Sie in diesem Dialog
angesprochen haben. Es wäre interessant zu wissen, ob die Zeugen,
die nicht mit der Öffentlichkeit und vor allem nicht mit der Jugend
über ihre Erfahrungen gesprochen haben, eine wichtige Möglichkeit
versäumt haben, die Zukunft zu verbessern.
Semprun: Da bin ich eher Pessimist. Ich glaube nicht, dass sich die
Zukunft verbessert, wenn die Erinnerung vollständiger ist. Ich
denke nicht, dass der Zyklus der Geschichte der Menschheit einen besseren
Weg nehmen wird, wenn man sich besser erinnert. Wenn man aus dem Krieg
kam - auch im ersten Weltkrieg - hieß es: "Nie wieder,"
und danach noch einmal "Nie wieder." Dann fängt alles
noch einmal an, in einer anderen Form. Ich glaube, dass die Erinnerung
jetzt zur Verfügung steht, um eine gewisse kollektive oder persönliche
Identität aufrecht zu erhalten. Man wissen will, was sich in der
Geschichte abgespielt hat, damit man die Gegenwart und die Zukunft besser
verstehen kann. Aber dass man einen Völkermord verhindern kann,
weil man den Mechanismus des Völkermores der Juden während
des Zweiten Weltkrieges kennt, glaube ich nicht. Man muss mit der Erinnerung
so gut wie möglich arbeiten. Dies ist eine Hilfe, jedoch keine
absolute Garantie, dass sich etwas dieser Art nie wieder abspielen wird.
d*esprit: Ist es möglich zu sagen, dass die Menscheit von den
Formen des Bösen im 20. Jahrhundert - dem NS Regime und dem Totalitarismus
der Sowjetunion - ausreichend viel gelernt hat um eine solche Tat des
Bösen nie wieder zu begehen?
Semprun: Auf jeden Fall hat die Menschheit so viel daraus gelernt,
dass sie es nicht mehr auf diese Art begehen wird. Ich halte es heutzutage
für unmöglich, dass jemand auf solche Art soviel Macht ergreifen
könnte, wobei ich in dieser Hinsicht natürlich nur von demokratischen
Ländern spreche. Denn in Ländern, wo es keine Demokratie,
das heisst keinen Pluralismus, gibt, kann man auf auf viele Weisen die
Macht ergreifen, zum Beispiel durch einen Putsch. In demokratischen
Ländern aber kann heute keiner mit einer solchen rhetorischen Demagogik
wie der Mussolinis oder Hitlers die Macht an sich reißen. Ich
glaube auch nicht, dass jemand in einem demokratischen Land in Europa,
in den USA oder in einer Demokratie Südamerikas oder Asiens eine
militarisierte, avantgardistische, disziplinierte, kämpfende Partei
gründen könnte, die die Massen mitreißt. So komme ich
zu dem Schluss, dass die Möglichkeit für große populistische
Bewegungen nicht mehr besteht. Man kann heute weder nach Hitlers Methode
die Macht an sich reißen, indem man auf rhetorische, demagogische,
populistische, nationalistische Art, die Massen zu bewegen versucht,
noch auf die totalitäre, leninistische Weise, deren disziplinierte,
avantgardistische, militarisierte Partei die Massen mit den Motiven
des Brotes, der Erde, der Freiheit und des Friedens mit sich reißt.
Das ist zu Ende. Wir haben von diesen zwei Totalitarismen genug gelernt.
Aber wofür keiner von uns garantieren kann, ist dass keine neuen
Formen entstehen werden, die zum Machtgewinn führen können.
Heute sehe ich nur noch alte, archaische Formen, die scheitern werden,
wie etwa die nationale Demagogik, Ausländerfeindlichkeit, Xenophobie
von Le Pen. Er erreicht 18 bis 20 Prozent. Das ist zwar erschreckend
und viel zu viel, aber es reicht nicht dazu aus, in einer Demokratie
die Macht zu gewinnen. In Spanien gibt es das nicht. Dort hat die Erfahrung
des Faschismus bewirkt, dass die rechtsgerichtete Politik der Regierung
ein parlamentarische Politik ist. Sie ist nicht faschistisch. Obwohl
sie in ihrer Bestimmung autoritär ist, ist sie gezwungen die Wahlen
und das Parlament zu respektieren. Es gab vor kurzem wieder Wahlen in
Spanien. Ich habe ganz frei gewählt und diejenigen, die für
die regierende Partei gewählt haben, haben dies auch ganz freiwillig
getan. Es ist also ein demokratisches System mit einer rechtsgerichteten,
in manchen Aspekten leicht autoritären Regierung. Trotzdem ist
es eine Demokratie. In Italien ist es dasselbe. Man kann Berlusconi
nicht mit Hitler oder Mussolini vergleichen. Berlusconi kann trotz seiner
Demagogik und seines Populismus von einem Gericht auf Korruption untersucht
werden. Es ist ein demokratisches Funktionieren.
d*esprit: Gibt es gewisse Anstrengungen, die die Jugend unternehmen
muss?
Semprun : Die Jugendlichen müssen interessierter an Politik sein
! Dieses Interesse kann man allerdings nicht herzaubern. Es ist äußerst
verständlich, dass die Jugendlichen ein wenig verwirrt, verärgert
oder desinteressiert sind, da ihre Illusionen und Utopien und vor allem
ihre Vorstellungen vom Leben nicht wirklich politisch sind. Die Art
und Weise zu leben, sich fortzubewegen, der Umgang zwischen Jungen und
Mädchen; all das ist vielmehr sozial als politisch. Es ist die
"Revolte" der Jugendlichen gegen Ungerechtigkeit.
Das Einzige, was ich der Jugend rate, ist, dass sie versuchen sollte
mitzubekommen, was in der Welt passiert. Versuchen mitzubekommen, was
in der Welt passiert! Wenigstens das! Absolutes Desinteresse finde ich
traurig. "Das geht mich nicht's an!". Doch, das tut es!
d*esprit : Seit dem 2. Weltkrieg ist das Gefühl eines vereinigten
Europas immer stärker geworden. Wie denken Sie über diese
Entwicklung und über die heutige Stellung Deutschlands in Europa.
Semprun : Europa ist eine wirtschaftliche und kulturelle Einigung.
Aber es ist noch nicht eine Einigung gemeinsamer Politik. Und es wird
sehr schwierig sein, das zu erreichen. Erst recht jetzt, nachdem durch
die Konflikte rund um das Thema des Irak-Krieges, Europa in «
altes » und « neues » Europa geteilt wurde.
Ich glaube aber, dass diesbezüglich die Rolle Deutschlands bei
genauem Hinsehen immer wichtiger ist. Darüber hinaus bin ich der
Meinung, dass Deutschland noch mehr Freunde in Europa braucht. Dafür
müsste es aktiver werden. Aktiv bedeutet, dass Deutschland mehr
Initiative zeigen und mehr Ideen haben muss. Die sozialdemokratischen
Kanzler Schmidt und Brandt und der christliche Demokrat Helmut Kohl
waren große Europäer. Sie haben die deutsch-französische
Zusammenarbeit bedeutend verstärkt. Diese Vereinigung zwischen
zwei Ländern, die sich Jahrhunderte lang bekriegten war ein außergewöhnliches
Ereignis. Die Israleis und Palestinenser, deren Kämpfe gegeneinander
noch jung sind, erlangen solch eine Vereinigung nicht. Sicherlich verhindert
die vertraglich geregelte Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich
keine kulturellen Unterschiede oder lässt die Fehler des einen
oder des anderen Landes verschwinden, aber sie zeigt, dass man aktiv
gehandelt hat und Deutschland in Europa eingliedern wollte.
Deutschland war zwar nazistisch, aber das ist Vergangenheit. Heute ist
es ein demokratisches Land. Trotzdem sollten die Deutschen ihre nationalsozialistische
Vergangenheit nicht als Entschuldigung dafür verwenden, dass sie
heute nicht mehr aktiv sein müssen. Alle Europäer brauchen
ein Deutschland, das sagt, dass Europa über die deutsch-französischen
Beziehungen hinaus geht. Man darf dabei auch nicht vergessen, dass Deutschland
eine sehr wichtige Rolle für die Kommunikation zwischen Ost- und
Westeuropa spielt. Es ist eines der wenigen Länder, die ein föderatives
Europa befürworten, da es das einzige europäische Land ist,
das weiß, was eine föderative Struktur ist. Aufarbeitung
der Vergangenheit, föderative Struktur und eine Vielzahl an Erfahrungen
- Deutschland hat bessere Bedingungen als andere Länder, um zu
verstehen, wie man Europa pflegen muss. Daher hoffe ich, dass Deutschland
genauso europäisch bleibt, wie es ist, allerdings aktiver wird.
Voilà!