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Roger Willemsen zu Gast an der DSP
Im Rahmen der Preisverleihung zum Übersetzungswettbewerb
2004/2005 las Roger Willemsen am 09.04.2005 einen Ausschnitt aus seinem
Buch "Deutschlandreise" und beantwortete viele Fragen der Schüler.
Artikel aus der Schulzeitung "Kontakte",
Ausgabe Februar 2005
Autorin: Petra Neier
Porträt: Roger Willemsen
Man nennt ihn den "letzten wirklichen Romantiker", einen "Tausendsassa"
und "Kosmopolit". Er gilt als hochgradig intellektuell und sei
"der intelligenteste Talkmaster, den das deutsche Fernsehen je in
seinen Studios geduldet hat". Sein großes rhetorisches Talent,
seine Neugier und die Fähigkeit intensiv auf Menschen einzugehen
stellte Roger Willemsen in zahlreichen Interviews unter Beweis. Insgesamt
interviewte und porträtierte Willemsen mehr als 2000 unbekannte,
weniger bekannte und bekannte Persönlichkeiten, darunter Yassir Arafat,
Madonna, König Hussein von Jordanien, Sting, Lech Walesa, Jaqueline
Bisset, Yoko Ono und den Dalai Lama.
Er selbst bezeichnet sich als "Besserwisser". "In einem
Interview muss immer etwas enthalten sein, das mich persönlich interessiert",
so Willemsen. Es ist ihm wichtig, sich in die Gesprächspartner hineinzuversetzen.
"Man muss sich in einen Menschen hineinfühlen, seine Erfahrungen
in lauter Kleinstteile zerlegen und sich an seine Stelle setzen, wenn
man etwas über ihn erfahren will".
Roger Willemsen stellt seine Fragen präzise und provokant. Es geht
ihm bei seinen Interviewpartnern nicht um Sympathie oder Antipathie, sondern
um das Eigentliche und das Individuelle der Person, das, was diese von
allen anderen unterscheidet.
Willemsens Ansichten gelten als nicht "massen-konform". Er hält
nicht viel von Massenkultur und Stereotypen. Auf den Vorwurf arrogant
zu sein antwortete der Moderator: "Recht haben Sie. Heute sind schon
die arrogant, die sich der Massenkultur verschließen".
Roger Willemsen sieht sich eher "als Autor oder Leser seiner Gäste"
und als Autor, (Vor-) Leser und Gast kommt er am 8. und 9. April 2005
an die DSP. Ein Auszug aus seinem Buch "Deutschlandreise" ist
Gegenstand des diesjährigen Übersetzungswettbewerbs. Er wird
bei der Preisverleihung für die beste Übersetzung anwesend sein
und über sein Werk und seine Erfahrungen mit den verschiedenen Medien
sprechen.
Wochenlang reiste Roger Willemsen im Sommer 2001 und im Frühjahr
2002 durch Deutschland und berichtet von seiner Entdeckungsfahrt, die
kreuz und quer von Kap Arkona bis nach Konstanz, von Bonn nach Berlin,
von Oberstdorf nach Rostock führte. Aus seinen Beobachtungen, Begegnungen
und Erfahrungen entwirft er ein facettenreiches Deutschlandbild, in dem
wir uns selbst wieder finden können. Ob an den Graffiti in der Rostocker
Uni, bei den Schachspielern an der Brücke von Remagen, auf dem Parkplatz
am Kreidefelsen von Rügen, bei einer Abitursfeier in Bonn oder im
Umkleideraum eines Supermarkts in Mönchengladbach - Willemsen sucht
nicht die große politische Sensation oder die rührende persönliche
Geschichte; er sucht etwas, das man schwer findet, weil es perfekt getarnt
ist, es liegt nämlich überall offen da - die Normalität.
Mit der unersättlichen Neugier des Forschers und dem vorurteilslosen
Blick des Ethnologen notiert er, was dieses seltsame Land ihm darbietet
- an Leben, an Städten, an Redensarten, Gewohnheiten, Werbesprüchen,
an zu persönlichem Schicksal geronnener Geschichte, an Vergeblichkeiten
und kleinen Triumphen. Aus der Summe all dieser Einzelteile setzt Roger
Willemsen etwas zusammen, das nicht mehr und nicht weniger ist als das
mentale Polaroid einer ganzen Nation."
Die Meinungen über die "Deutschlandreise" sind ebenso vielfältig
wie über den Autor selbst. Da lobt man seine hervorragende Beobachtungsgabe,
seinen Sprachstil und sein Gespür für Situationskomik, während
andere enttäuscht sind über "die allgegenwärtige Überheblichkeit
des Beobachters" und seine arrogante und zynische Schreibweise.
In jedem Fall ist "Deutschlandreise" ein Buch, über das
man sich auseinander setzen kann, ebenso wie über Willemsens Aussage:
"Ich bin ein typisch Deutscher darin, dass sich die Deutschen nie
gemocht haben".
Roger Willemsen wurde 1955 in Bonn geboren und studierte Germanistik,
Philosophie und Kunstgeschichte in Bonn, Florenz, München und Wien.
Nach seiner Promotion arbeitete er als Assistent für Literaturwissenschaft
an der Universität München.
Vor seinem dreijährigen Aufenthalt in London, bei dem er als Übersetzer
und Korrespondent für verschiedene Zeitungen und Rundfunkveranstaltungen
arbeitete, betätigte sich Willemsen als freier Autor, Essayist, Herausgeber
und Übersetzer.
1991 wurde er vom Pay-TV-Sender "Premiere" entdeckt und moderierte
das tägliche Interview- Magazin "0137" und später
"Willemsen - das Fernsehgespräch". Er wechselte zum ZDF
und WDR, mit den Sendungen "Willemsens Woche", "Willemsens
Musikszene" und "Nachtkultur mit Willemsen". Für seine
Arbeit bekam er mehrere Auszeichnungen, wie die "Goldene Kabel",
den "Bayerischen Fernsehpreis" und den "Adolf-Grimme Preis"
in Gold.
Mit seiner eigenen TV-Produktionsfirma NOA NOA Fernsehproduktion GmbH
produziert und koproduziert er Dokumentationen, Gala-Veranstaltungen,
Porträts und Themenabende.
Auch als Regisseur ist Willemsen erfolgreich, wie zum Beispiel mit dem
Dokumentarfilm "Non Stop- Eine Reise mit Michel Petrucciani".
Gleichzeitig ist Willemsen als Herausgeber, Buchautor und Essayist tätig.
Er schreibt Kolumnen und kulturkritische Beiträge für verschiedene
Zeitungen und Magazine.
2002 verabschiedete sich Roger Willemsen vorläufig vom Fernsehen
und widmete sich neben einigen filmischen Projekten ganz dem Schreiben.
Es entstanden unter anderem die Bücher "Deutschlandreise",
"Gute Tage" sowie eine Neufassung des Theaterstücks "Karneval
der Tiere".
Seit April 2004 moderiert er den "Literaturclub" im Schweizer
Fernsehen.
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