Peter Bieri alias Pascal Mercier zu Gast an der DSP

Am 13. Mai 2005 wird der Philosoph und Romancier Peter Bieri an der DSP zu Gast sein. Peter Bieri hat am Philosophischen Institut der Berliner FU den renommierten Lehrstuhl für analytische Philosophie und Sprachphilosophie inne. Mit seiner grundlegenden Studie "Das Handwerk der Freiheit" hat er auf eindrückliche Weise gezeigt, welchen Beitrag die Philosophie im interdisziplinären Dialog über die Willensfreiheit leisten kann.
Unter dem Pseudonym Pascal Mercier hat Bieri viel beachtete Romane verfasst; sein letztes Werk "Nachtzug nach Lissabon" (2004) wurde von der Kritik euphorisch aufgenommen.

Artikel aus der Schulzeitung "Kontakte", Ausgabe Februar 2005
Autor: Joachim Brechenmacher

"Ach wie gut, dass keiner weiß, dass ich ....... heiß!" Eine geraume Zeit fragte sich die literarisch interessierte Öffentlichkeit, wer sich wohl hinter dem Pseudonym Pascal Mercier verbergen mag, waren doch unter diesem Namen in kurzer Abfolge die zwei viel beachteten Romane "Perlemanns Schweigen" und "Der Klavierstimmer" erschienen. Unlängst wurde Merciers dritter Roman "Nachtzug nach Lissabon" (2004) von der Kritik euphorisch aufgenommen und als "literarische Sensation des Herbstes" (Gunther Blank) gefeiert. Inzwischen wurde auch das zweite Leben des Pascal Mercier hinlänglich enttarnt: Es spielt sich zur allgemeinen Überraschung am Philosophischen Institut der Berliner FU ab, wo der Romancier unter dem urschweizerischen Namen Peter Bieri den renommierten Lehrstuhl für analytische Philosophie und Sprachphilosophie innehat. In Fachkreisen wurde Bieri vor allem dafür geschätzt, dass er die angelsächsische "philosophy of mind" im deutschen Sprachraum bekannt gemacht hatte; deren Fragestellungen blieben aber lange Zeit eine Angelegenheit der akademischen Philosophie und ihrer eher exklusiven Zirkel. Doch das sollte sich ändern.
Dafür sorgte zunächst einmal der rasante Erkenntnisfortschritt der Gehirnforschung: Mit ihren experimentellen Befunden erhebt sie den provokativen Anspruch, traditionell philosophische und theologische Fragen nach der Seele, dem Selbstbewusstsein, dem Verhältnis von Geist und Körper und nach der Willensfreiheit naturwissenschaftlich - empirisch klären zu können. Alle mentalen Prozesse beruhen auf rein materiellen Vorgängen, lautet eine ihrer Kernthesen. Nun gut, diese spröde Aussage klingt nicht gerade so, als könne sie die Gemüter furchtbar erhitzen. Wie ein öffentlichkeitswirksameres Product-Placement zu erreichen ist, das hat allerdings auch die eher wirtschaftsferne Gilde der Universitätsprofessoren - eifrig auf der Suche nach Drittmitteln - inzwischen gelernt. "Das Konstrukt einer immateriellen Seele ist nicht haltbar" , "die Willensfreiheit existiert neurobiologisch betrachtet gar nicht", daher werden wir über "unser gesamtes Strafsystem neu nachdenken müssen" - so lauten die weitaus aufregenderen, plakativen Behauptungen mancher Gehirnforscher, etwa des hier zitierten Max - Plank - Direktors Wolfgang Singer (vgl. Fachzeitschrift Geist und Gehirn, Nr. 4; 2002).
So etwas wirkt - auch auf Peter Bieri.
Bieri stellte sich dieser Herausforderung in mehrfacher Weise: Zunächst nimmt er als Mitbegründer des "Forschungsschwerpunktes Kognition und Gehirn bei der deutschen Forschungsgemeinschaft" aktiv an dem spannenden interdisziplinären Dialog zwischen Neurobiologen, Physikern, Psychologen, Psychiatern und Philosophen teil. Und im Jahr 2001 bündelt er in seiner Studie "Das Handwerk der Freiheit" all das, was die Philosophie, auf der Höhe ihrer Zeit, zum Diskurs über die Willensfreiheit beitragen kann. Mit diesem Buch, das als 'Theorie-Seller' inzwischen über 45 000 mal verkauft wurde, ist ihm ein großer Wurf gelungen. "Ich wollte über ein zum Verzweifeln komplexes Thema in einfacher, mühelos fließender Sprache schreiben, die ohne unnötige Fremdwörter und ohne Jargon auskäme. Die befreiende Erfahrung war: "Es geht!", - so fasst Bieri seine Absichten im Vorwort zusammen. Und dass es tatsächlich geht, dazu hat ein gewisser Pascal Mercier in erheblichen Maße beigetragen, denn Bieri gelingt das Kunststück, die begriffsanalytische und argumentative Genauigkeit des Sprachphilosophen mit der erzählerischen Phantasie eines großen Romanciers und der phänomenologischen Sensibilität psychologischer Fallstudien zu verbinden.
Bieris umfängliche Untersuchung entzieht sich einer knappen Zusammenfassung und so seien hier nur zwei thematische Stränge besonders herausgestellt. Bieri vermag zu zeigen, wie sich die Unfreiheit unseres Willens in den Verzerrungen unseres Zeiterlebens ausdrückt, je nachdem, ob wir die Vergangenheit als belastend, die Gegenwart als bedrückend und die Zukunft als verschlossen empfinden.
Solche Störungen zu erkennen und zu bearbeiten wird unseren persönlichen Freiheitsspielraum ebenso erweitern wie die Prüfung unseres Selbstbildes oder das Vertrautwerden mit unseren Bedürfnissen und Wünschen, auch solchen, die wir uns bislang noch nicht offen zugestanden haben. Uns selbst besser kennen zu lernen, kann zuweilen einen riskanten Freiheitsgewinn bedeuten, der zum Bruch mit früheren Lebensentscheidungen führen kann, selbst wenn dieser Bruch nicht so radikal ausfallen muss, wie es bei dem Altphilologen Gregorius in Bieris Roman "Nachtzug nach Lissabon" der Fall ist: Mitten im Unterricht "erhob er sich langsam, ging zur Tür, wo er den feuchten Mantel vom Haken nahm, und verschwand, ohne sich noch einmal umzudrehen, aus dem Klassenzimmer." Gregorius ging langsam in Richtung Kirchfeldbrücke, "er hatte das sonderbare, ebenso beunruhigende wie befreiende Gefühl, dass er im Begriff stand, sein Leben im Alter von siebenundfünfzig Jahren zum erstenmal ganz in die eigenen Hände zu nehmen." (Wichtiger Hinweis: Für etwaige Nebenwirkungen der Bieri- Lektüre übernehmen Autor und Veranstalter keinerlei Haftung).
Mit Peter Bieri wollen wir eine neue Veranstaltungsform an der DSP erproben: eine Vormittagsveranstaltung, an der die Schüler der Klassen 10-13 teilnehmen und zu der auch offiziell die Eltern eingeladen werden. Die Erfahrung hat einerseits gezeigt, dass Abendveranstaltungen an der DSP - heißen die Gäste nicht gerade Hans Magnus Enzensberger oder Jorge Semprun - im Blick auf den Besuch ein riskantes Unterfangen sind ....... Andererseits erscheint es durchaus wünschenswert, bei solchen interessanten Autoren den Publikumskreis über die Kerngruppe der Schüler hinaus, die die Veranstaltung auch vorbereiten werden, zu erweitern - ein Versuch ist es zumindest wert.
Damit ist eine weitere Neuerung verbunden: Die Bücher, die weiterhin vom Autor im Rahmen der Veranstaltung signiert werden, können dieses Mal nicht nur anlässlich des Autorengesprächs, sondern ohne größer Umstände bereits vorher erworben werden - und zwar in der Ausleihbibliothek. Frau Pusch von der Buchhandlung Info-Buch stellt uns ein Sortiment von Bieris Werken zusammen, das von den Bibliotheksmüttern ab März verkauft wird. Interessierten ist damit die Möglichkeit gegeben, sich einzulesen und auf die Veranstaltung vorzubereiten. Damit aber aus einem bloßen Lesewunsch ein tatsächlicher Leseprozess wird, bedarf es, folgt man Peter Bieri, eines freien handlungswirksamen Willens...
Was die Rede von einem freien Willen impliziert, das hat Bieri unlängst in einem argumentativ dichten Spiegel-Essay dargelegt (vgl. Spiegel Nr.2, vom 10.1.2005).