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Stolz auf die DDR? "Nöö." Aufgeräumt sieht er aus, und doch ein wenig schüchtern, als er in der Aula der Deutschen Schule Paris hinter einem kleinen Tisch und einem großen Mikrophon Platz genommen hat. Vor ihm sitzen die Schüler der zehnten bis dreizehnten Klasse, einige Lehrer. Ein Szenario, das Jens Bisky vor 20 Jahren noch für unmöglich gehalten hätte. Überhaupt, die Idee, jemals nach Paris zu fahren. "Hätte mir das jemand damals vorhergesagt, hätte ich ihn wahrscheinlich für verrückt erklärt!", sagt er bestimmt. Heute ist er zum ersten Mal in der französischen Hauptstadt. Der im "Klein-Paris" Leipzig aufgewachsene Schriftsteller
und Journalist studiert die Gesichter der Jugendlichen, die ihm gegenüber
sitzen. Die meisten von ihnen sind überall, außer in Deutschland,
groß geworden. Und schon gar nicht in einem geteilten Deutschland.
Aber Jens Bisky ist "geboren am 13. August" - ein Mauerkind,
ein Ossi, Sohn des Parteivorsitzenden der Linken, Lothar Bisky. Und so
liest er mit der Routine eines Journalisten und dem Timbre eines Schriftstellers
aus seiner Autobiographie, einem Buch mit dem Untertitel "Der Sozialismus
und ich". Und er liest von einer Schule, die so anders war als jene
Auslandsschule, die er heute besucht. Unseren Lehrern drohten wegen politischer
Aktivitäten Berufsverbote, während "drüben" jeden
Schultag aufs Neue die Prinzipien des Sozialismus und die Treue zur DDR
gepredigt wurden. Ob sich Bisky als "Indoktrinierter" gefühlt habe, fragt die Abiturientin Friederike Haller mit einem fast besorgten Tonfall. Sicherlich habe ihn die sozialistische Erziehung seiner Lehrer, aber vor allem auch seines Elternhauses wesentlich geprägt - doch Bisky lehnt die Wortwahl der Indoktrination ab. Man mache es sich zu leicht, wenn man "von den Indoktrinierten und den anderen" spreche. Jedenfalls habe sein persönliches Engagement in der damaligen DDR auch auf eigenen Entscheidungen gefußt, gibt der ehemalige FDJ-Agitator und NVA-Offizier zu. Waren jene sozialistischen Aktivitäten auch mit Stolz verbunden? Seine graublauen Augen treten erstaunt hervor. "Nöö", raunt er mit sonorem Bariton. Galt Bisky bei einigen Freunden und Bekannten als "hoffnungslos verlorener Überzeugter", so schien er also dennoch stets genügend Distanz zu sich selbst und seiner Aktivität zu bewahren. Und vielleicht ist dies jenem "Doppelleben" zu verdanken, das er mit zunehmendem Alter zwischen NVA-Kaserne und Kino International lebte - jenem Spagat zwischen Staatsapparat und der Berliner Künstler- und Schwulenszene. "Es gab mich zweimal", schreibt Bisky in seiner Autobiographie. "Den Leutnant und den Liebhaber, den Heiner-Müller-Leser und den Protokolldichter - alles war doppelt da." Und beide Welten verlangten von Bisky Anpassungsfähigkeit. Genauso wie das Jahr 1989. Über Jens Biskys Leben seit der Wiedervereinigung schreibt Zeit-Redakteur Christoph Arnend: "Biskys Leben seit 1989 scheint Beweis zu sein für die These, dass aus Anpassung Energie entstehen kann." Nach seiner journalistischen Tätigkeit beim Radiosender DT64 in Berlin absolviert er das Studium der Germanistik und der Kulturwissenschaften, schreibt eine Dissertation über "Poesie der Baukunst.", für die er 1999 mit dem Humboldt-Preis ausgezeichnet wird und arbeitet heute als Feuilleton-Redakteur für die Süddeutsche Zeitung. Neben seiner Autobiographie ist im vergangenen Jahr auch noch "Die deutsche Frage" im Buchhandel erschienen - eine Untersuchung der Frage, "warum die Einheit unser Land gefährdet?" und wohl eher für solche Leser bestimmt, die ohnehin von einem gescheiterten "Aufbau Ost" überzeugt sind - mit vielen, unglaublich gründlich recherchierten Zahlen und Statistiken zeichnet Bisky hier die nach wie vor zwischen Ost- und Westdeutschland bestehende Membran, das Phänomen einer fünfzehnjährigen "Parallelgesellschaft" nach. Wer sich durch den Zahlenberg bis zum letzten Kapitel vorgekämpft hat, wird mit der Vision einer "neuen Einheit" belohnt. "Wie sehen Ihre Forderungen konkret aus?" Die letzte Frage, an jenem Freitagmittag und noch eine Minute Zeit bis die Schulklingel der heutigen Begegnung mit Jens Bisky ein Ende setzen wird. Ein wenig erschrocken guckt der 39jährige Mann mit den kurz rasierten Haaren - doch sofort sammelt er sich und hat eine Antwort parat: Er fordert unter anderem die "schamlose Förderung" ostdeutscher Schulen und Universitäten kritisiert vor allem den Versuch, in den 40 Jahre lang kommunistisch regierten Neuen Ländern eine Wirtschaft nach westdeutschem Vorbild nachzubauen und "schlüsselfertig" abzuliefern. Nach Signierstunde und einem Mittagessen an der Schule fahren wir durch einen frühlingshaft sonnigen Bois de Boulogne nach Paris. Bisky erzählt von seiner "Diss." über Baukunst und weiß bestens bescheid über die Bagatelle, den Baron Haussmann und seine Reformen aber auch über die Grande Axe, die "der Führer und sein Speer" kopieren wollten. Kritisch blickt er von der Place de la Concorde in Richtung Triumphbogen. "Das Problem ist der Winkel." Im verhältnismäßig ebenen Berlin eine vergleichbare Fluchtpunktperspektive zu konstruieren sei nahezu unmöglich. Dann verschwindet er im Jardin des Tuileries, wo heute eine Antiquitätenmesse stattfindet, und schlendert zielstrebig in Richtung Louvre.
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