Die Deutsche Schule Paris lädt ein…

„Die Geschichte wird leben!“

JORGE SEMPRUN- ausgezeichnet u.a. mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels -

besuchte die Deutsche Schule Paris am 17.10.2003

 

Über den Autor:

Der am 10. Dezember 1923 in Madrid geborene Schriftsteller, Drehbuchautor und Politiker Jorge Semprun hat eine faszinierende Lebensgeschichte, die von seiner Zeit als Résistancekämpfer gegen die deutsche Besatzungsmacht im Frankreich des 2. Weltkrieges, von seinen Erfahrungen im Konzentrationslager Buchenwald zwischen 1943 und 1945, und von seinem enormen Einsatz im kommunistischen Widerstand gegen Franco erzählt. Inzwischen hat sich Semprun vom Kommunismus abgewandt. Für seine überwiegend autobiographischen Werke hat Jorge Semprun viele bedeutende Auszeichnungen und Preise, wie den Goethe-Preis, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und den Prix Fémina erhalten.

 

Einige Redakteure der Schülerzeitung d*esprit hatten bereits die Möglichkeit ein Interview mit Jorge Semprun zu führen.

Hier einige Auszüge aus dem Gespräch, das in voller Länge in der d*esprit-Ausgabe 34 ab 10. Oktober zu lesen ist.

Semprun über das Schreiben: Man kann natürlich Berichte schreiben, in denen man nur die schrecklichen Momente zeigt. Ich finde, dass es bedeutungsvoller ist, wenn man auch über die Momente spricht, die zwischen diesen schrecklichen Augenblicken lagen, Momente der Solidarität oder der Brüderlichkeit.
Semprun über Buchenwald: Wenn man 20 Jahre alt ist, um fünf Uhr aufsteht, es Sommer oder Frühling und das Wetter schön ist und Buchenwald ist ein Ort, der von Wäldern umgeben ist , ist es einfach ein sehr schöner Anblick, wenn plötzlich all diese Blätter grün sind, da der Frühling herankommt und die Sonne aufgeht. Man hat dann einen emotionalen Augenblick, was nichts daran ändert, dass man in 15 Minuten vielleicht schon von einem SS-Mann niedergeschlagen wird. Wenn man allerdings nicht erzählt, dass man diesen emotionalen Augenblick gespürt hat, dann lohnt es sich erst gar nicht zu schreiben.

Eine kurze Leseprobe

Über Sempruns Erfahrungen in Buchenwald:

Tagsüber, während der Arbeitstunden, wurden die Latrinen nur von den Invaliden oder den von der Zwangsarbeit freigestellten Kranken des Quarantäneblocks aufgesucht. Doch am Abend, nach dem Appell und bis zur Sperrstunde, verwandelten sich die Latrinen in einen Marktplatz der Illusionen undHoffnungen, in einen Suk, wo man die verschiedensten Dinge gegen eine Scheibe Schwarzbrot, ein paar Machorka-Kippen tauschen konnte, schließlich eine Agora, wo man Worte, Fetzen eines Gesprächs der Brüderlichkeit, des Widerstandes austauschen konnte. […] Erst in den Gemeinschaftlatrinen, in der giftigen Luft, wo sich der Gestank von Urin, Exkrementen und ungesundem Schweiß mit dem herben Geruch des Machorka-Tabaks vermischte, haben wir uns wiedergefunden, dank einer geteilten Kippe, ein und desselben Eindrucks von Lachhaftigkeit, derselben kämpferischen und brüderlichen Neugier auf die Zukunft eines unwahrscheinlichen Überlebens. Vielmehr eines zu teilenden Todes. Hier haben wir, an einem denkwürdigen Abend, Darriet und ich, als wir abwechselnd köstliche Züge aus derselben Kippe nahmen, unsere gemeinsame Liebe zum Jazz und zur Poesie entdeckt. Kurz darauf, als man in der Ferne die ersten Pfiffe zu hören begann, die die Sperrstunde ankündigten, hat sich Miller zu uns gesellt. Wir tauschten gerade Gedichte aus: Darriet hat Baudelaire zitiert, ich sagte La fileuse von Paul Valéry auf. Miller hat uns lachend Chauvinisten genannt. Und er hat angefangen Verse von Heine aufzusagen, auf deutsch.

Über Sempruns Zeit im Untergrund gegen das Franco-Regime Spaniens:

Ich wohnte in der Calle Concepción Bahamonde, in Madrid, unweit der Arena von las Ventas: damals an der Peripherie der Stadt. Abends, wenn es an der Zeit war, diese illegale Wohnung aufzusuchen, stieg an der Metrostation Goya aus. Das war zwar nicht die nächstgelegene Station, aber ich nahm mir Zeit, achtete darauf, dass mir niemand folgte. Ich schlenderte herum, blieb vor Schaufenstern stehen, wechselte plötzlich die Straßenseite, durchquerte einen Supermarkt, trank an Kneipentheken einen Espresso oder ein kühles Bier, je nach Jahreszeit. Jedenfalls wusste ich, wenn ich in meine Straße einbog, mit Sicherheit, dass mir niemand gefolgt war. […]
So kam es, dass ich die Mahlzeiten von Manuel und Maria A. teilte. Es war ein Ehepaar von Aktivisten, sie hatten die Wohnung im Auftrag der [kommunistischen] Partei gekauft. Sie waren der franquistischen Polizei unbekannt, ihre einzige Arbeit bestand darin, diese Wohnung zu halten. Zwei Zimmer der Wohnung waren für mich bestimmt. Vielmehr waren sie für die Führer des illegalen Apparats bestimmt, einerlei für welche. Um gegenüber den Nachbarn den Schein zu wahren, taten Manuel und Maria so, als hätten sie einen Untermieter: sie setzten eine Anzeige in die Zeitung, das Ding war gelaufen. Mehrere Jahre habe ich diese Wohnung in der Calle Concepción benutzt, wenn ich mich illegal in Madrid aufhielt.

Quellenangabe: Jorge Semprun, Schreiben oder Leben (Frankfurt/Main: Suhrkamp 1995), S.53f; S.281f.